Bildung in Corona-Zeiten – Ein Blick über den Tellerrand

Die diesjährige Klausur in Sachen Weiterbildung führte die Hauptamtlichen Pädagogischen Mitarbeiter der Evangelischen Bildungswerke in Württemberg nach St. Wolfgang. Zu Gast waren sie im direkt am See gelegenen Österreichischen Bundesinstitut für Erwachsenenbildung. Unter dem Thema „Lernen in und von Europa“ stellten österreichische Referentinnen und Referenten Organisation und Arbeitsweisen verschiedener Bildungseinrichtungen vor. Pfarrer Dr. Wolfgang Schnabel, Leiter der Landesstelle Evangelische Erwachsenen- und Familienbildung in Württemberg (EAEW) und Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft evangelischer Bildungswerke in Württemberg (LageB), erläutert als Organisator Nutzen und Ertrag der Fortbildung, die trotz Corona-Einschränkungen durchgeführt werden konnte.

Bildung in Corona-Zeiten ist eine große Herausforderung, wie das Beispiel Schule bis zu den Sommerferien gezeigt hat. Auch die Erwachsenenbildung ist davon nicht ausgenommen. Können Sie als Leiter der EAEW und Geschäftsführer der LageB schildern, wie sich die Arbeit in den verschiedenen evangelischen Bildungswerken im Land verändert hat?

Vor der Pandemie bewegte sich das digitale Angebot im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Dann kam der Lockdown und damit das Verbot für Präsenzveranstaltungen. Teilweise haben sich die Einrichtungen damit beholfen, Veranstaltungen in den Herbst zu verschieben, andere mussten komplett ausfallen. So machten sich die Bildungseinrichtungen daran, verstärkt digitale Angebote auf den Weg zu bringen, um Interessierten die Chance zu bieten, über E-Learning-Kurse am Bildungsgeschehen weiterhin teil zu haben.

 

War es denn für die Einrichtungen nicht schwierig, sich so schnell umzustellen?

Das war sehr unterschiedlich, aber die Digitalisierung im Bildungsbereich hat einen Schub bekommen, wie er vor Corona nicht denkbar gewesen wäre. Wir haben in drei Monaten einen Sprung von zwei Jahren gemacht.

 

Wie haben denn die Kunden darauf reagiert, dass sie per Bildschirm geschult werden?

Einige konnten sich nicht darauf einlassen, weil ihnen die technischen Voraussetzungen dafür fehlten. Unser Hauptklientel liegt, abgesehen von den Familienbildungsstätten, bei 60 plus. Es gab auch Personen, die das Digitalangebot prinzipiell ablehnten, zum Beispiel aus datenschutzrechtlichen Bedenken. Aber trotzdem meldete sich eine erstaunliche Anzahl an Älteren, die sich dafür interessierten und offen dafür waren.

 

Inzwischen kann festgestellt werden, dass es Bildungsbeflissene gibt, die gar nicht mehr zu den Präsenzveranstaltungen zurückkehren wollen, sondern lieber Online-Angebote wahrnehmen wollen. Wie sehen Sie das?

Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Man muss hier genau hinschauen. Ich stelle jedenfalls auch eine Sehnsucht nach Präsenz, nach Begegnung fest, der wir unter Beachtung aller Hygieneregeln nachkommen wollen. Wir Menschen sind doch soziale Wesen. Natürlich gibt es auch Entwöhnungseffekte. Es ist doch angenehm, nicht mehr weite Wegstrecken auf sich nehmen zu müssen und Bildung quasi von der Wohnzimmercouch aus zu machen. Und eines ist nicht zu unterschätzen: Die Angst vor dem Virus ist nach wie vor da.

 

Wie beurteilen Sie Hybridveranstaltung, also Veranstaltungen sowohl digital als auch vor Ort anzubieten?

Für uns war es bereits vor Corona klar, dass digitale Angebote eine Ergänzung zu unseren Präsenzveranstaltungen sein müssen. Inzwischen nehmen auch Hybrid-Veranstaltungen zu, allerdings noch in überschaubarem Maß aufgrund des höheren technischen Aufwands.

 

Aber nicht nur Ihre Kunden, auch Ihre Lehrkräfte müssen weitergebildet werden. Bei der Klausur für die Hauptamtlichen Pädagogischen Mitarbeiter im Juli in St. Wolfgang wurde weit über den Tellerrand hinausgeschaut. Das Erasmus+-Programm im Rahmen einer europäischen Mobilitätsmaßnahme hat dieses Angebot ermöglicht. Was ist unter einer Mobilitätsmaßnahme zu verstehen?

Das heißt, man macht sich auf den Weg, geht ins europäische Ausland und besucht dortige Bildungseinrichtungen, um von deren Erfahrungen zu lernen und für die Zukunft Kontakte zu knüpfen.

 

Die Themenpalette der österreichischen Referenten und Referentinnen reichte von der strategischen Aufstellung kirchlicher Bildungswerke für die Zukunft über kritische Medienkompetenz und den Einsatz digitaler Lernformen und -werkzeuge in der Erwachsenenbildung bis zur Gemeinwohl-Ökonomie. Was ist zusammengefasst der Ertrag dieser verschiedenen Vorträge?

Zum einen, dass man Impulse aufnimmt aus Bereichen, zu denen man bislang keine Kontakte hatte. Zum anderen, dass Verbindungen und Netzwerke geknüpft und neue, positive Erkenntnisse für die eigene Einrichtung umgesetzt werden.

 

Könnten Sie einige Beispiele dafür nennen?

Es war für mich sehr beeindruckend zu hören, wie wertschätzend das katholische Erwachsenenbildungswerk Salzburg mit den Ehrenamtlichen umgeht. Diese erfahren dort eine hohe Würdigung, festzumachen etwa an der offiziellen Einsetzung, zu der auch der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin kommt. Für uns ist das doch ein Anstoß, darüber nachzudenken, wie wir unsere Ehrenamtlichen stärker in unsere Arbeit einbinden können, dass sie eine entsprechende Unterstützung und Würdigung ihrer Tätigkeit erfahren.

Zweites Beispiel. Die Informationen über nichtkommerzielle, freie, vor allem lokale Radiosender war spannend, denn diese hatten wohl die wenigsten der Teilnehmer im Blick. Dass es in Österreich einen Medienpool gibt, den man nutzen kann, um auch in entlegenen Winkeln den Menschen eine Stimme zu geben, war bemerkenswert. Wie sich dieses Wissen auf unsere Bildungsarbeit niederschlägt, bleibt abzuwarten. Eine Folge der Tagung ist aber, dass von den HPM an dem Thema Gemeinwohl-Ökonomie weitergearbeitet wird. Geplant ist, eine Stellungnahme der kirchlichen Einrichtungen zur Gemeinwohl-Ökonomie zu erarbeiten.