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Nachmittagsakademie Calw
Veranstaltungsbericht 21. September 2016

Wolf Kirchberg

Wenn der Krieg im Kopf nicht aufhört

Diplompsychologe Wolf Kirchberg gab in der Nachmittagsakademie Calw Anregungen für Angehörige und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit

Zwei Photos befinden sich auf der Leinwand im Haus der Kirche in Calw. Eines davon zeigt Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten im Jahr 1945, ein anderes Photo Flüchtlinge auf der Balkanroute 2015. Ein Teilnehmer fragt: „Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich mit dem Photo mit den Menschen am Ende des Zweiten Weltkriegs stärker identifiziere?“ Wolf Kirchberg ist Psychologe und erläutert im Rahmen der ökumenisch orientierten Nachmittagsakademie Calw posttraumatische Belastungsstörungen. Er weiß, dass Diskussionen über Flüchtlinge ein heißes Eisen sind. Auf der einen Seite befinden sich die Menschen, die helfen wollen und sich ehrenamtlich bis an den Rand ihrer Kräfte engagieren. Auf der anderen Seite gibt es die Vorbehalte gegenüber der „Willkommenskultur“, die teilweise mit Angst gepaart sind. Das ist nicht neu, wie Kirchberg mit einem Photo aus dem Jahr 1945 verdeutlicht. Bürger demonstrieren mit einer Aufschrift „Badens schrecklichster Schreck – der neue Flüchtlingstreck!!“ Und es gibt Menschen, die ihre eigenen Familienschicksale nicht loslassen.

„Nein, Sie sind völlig normal!“ Der Teilnehmer ist sichtlich beruhigt. „In der Psychologie komme ich mit moralischen Maßstäben meist nicht weiter“, erläutert Wolf Kirchberg seine Aussage. „Ich nehme den Menschen in den Blick und halte mir seine jeweilige Situation vor Augen. Mit erhobenem Zeigefinger komme ich in einer Therapie nicht zum Erfolg.“

Wolf Kirchberg hat sich etwas Außergewöhnliches vorgenommen. Er vergleicht die Situationen von Flüchtlingsschicksalen in den Jahren von 1945 und 2015 miteinander. Für Wolf Kirchberg ist das kein Widerspruch. „Das Krankheitsbild einer posttraumatischen Belastungsstörung nach Kriegs- und Fluchterfahrungen ist dasselbe.“ In der Sprache der Mediziner heißt es: Durch extremen Stress und damit verbundenen biochemischen Cocktail kommt es zu Problemen bei der zentralnervösen Verarbeitung, insbesondere Speicherung und Integration, langfristig zu Schädigungen.“

An zwei Beispielen veranschaulicht Wolf Kirchberg diese Erfahrung. Ein Patient leidet unter Albträumen, auf Gefühle ist er kaum anzusprechen. Aus der Familiengeschichte wird erkennbar, dass der Vater im Krieg Flak-Schütze war und an der Front eingesetzt hat. Auch die Mutter hat schreckliche Erfahrungen hinter sich. Darüber haben beide nie gesprochen. Eine unangenehme Gefühlskälte und Lebensängste haben sich beim Sohn breitmachen können, die er sich selbst nicht erklären konnte. Der Leidensdruck führte ihn über einen Arzt zum Psychologen. „Traumatische Belastungen können sich auf die nächste Generation übertragen. Sie können erfolgreich bearbeitet werden, auch wenn die Erfahrungen lange Jahre zurückliegen.

Ein anderes Beispiel schildert die Situation eines Flüchtlings aus Afghanistan, der irgendwann angefangen hatte, seine Kinder zu schlagen und Hilfe brauchte. Auch hier gelang es, seine schrecklichen Erfahrungen aufzuarbeiten und ihm und seiner Familie zu helfen. „Die Methode aus der ‚Trickkiste‘ der Psychologie ist dieselbe“, verrät er.

Ehrenamtlichen Helfern rät Wolf Kirchberg zur Zurückhaltung. „Schützen Sie die Menschen und vor allem sich selbst vor der ausführlichen Beschreibung von belastenden Situationen, bohren Sie nicht nach, aber seien Sie aufmerksam bei ungewöhnlichen Reaktionen!“

 

 

 
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