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Bericht über eine Veranstaltung am 25. April 2018 im Evangelischen Gemeindehaus Calw-Heumaden

Bitte keine Utopien! Geschichte lässt sich nicht vorhersagen
Der Historiker Joachim Radkau zu Gast bei der Evangelischen Erwachsenenbildung in Calw

Joachim Radkau hatte es im Januar 2017 auf die Titelseite des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ geschafft. Direkt unter einem Photo von Martin Schulz als „Sankt Martin“ mit Strahlenkranz fand sich ein Hinweis auf sein Buch „Geschichte der Zukunft“. Die Geschichte geht manchmal eigene Wege. Der Historiker Joachim Radkau betrachtet sie im Rückspiegel. Aber zwei Wochen vor der Katastrophe in Fukushima sprach er öffentlich und deutlich die Verdrängung des nuklearen Risikos in Japan an.

Jetzt war zu Gast bei der Evangelischen Erwachsenenbildung nördlicher Schwarzwald in Calw. Sie hatte den Bielefelder Professor im 40. Jahr des Bestehens des Bildungswerks eingeladen, um gemäß dem Slogan des Bildungswerks („wir denken >> weiter“) auf die Irrungen und Wirrungen der ehemaligen Zukunftsplanung zurückzublicken. Vermeintlich gute Ideen entpuppten sich als wirtschaftliche oder politische Fehlentscheidungen. Was kann man aus der Geschichte für die Zukunft lernen?

„Vor Katastrophen- und Wendeprognosen werde ich mich als Historiker hüten.“ Aber es gibt Ereignisse, die lassen sich in Planungskonzepten berücksichtigen. Dazu gehört der Klimawandel. Daneben gibt es Entwicklungen, die kaum jemand auf dem Schirm hatte, wie beispielsweise die Wiedervereinigung.

Joachim Radkau ist selber vom Saulus zum Paulus geworden. Ursprünglich war er – wie viele andere - begeistert von der friedlichen Nutzung der Atomenergie. „Eigentlich wollte ich damals die Bundesregierung sogar dafür kritisieren, dass sie diese famose neue Energie nicht energisch genug fördert.“ In seinem Vortrag erinnerte er daran, dass zunächst die Angst vor dem Atomkrieg herrschte, bevor unter dem Eindruck der Ölkrise im Jahr 1973 die Kernenergiepläne auf die Spitze getrieben wurden: Es sollte sogar schwimmende Kernkraftwerke im Wattenmeer geben. „Das muss man sich einmal vorstellen!“ Helgoland sollte zur Atominsel gemacht werden, weil sich dort so wenig Demonstranten sammeln können. Aber genau in diesem Moment kippt diese Euphorie plötzlich um und seit der Bauplatzbesetzung in Wyhl bei Freiburg im Februar 1975 eskaliert auf eine völlig unvorhersehbare Art die Gegenbewegung.

Joachim Radkau zitierte Ernst Bloch der  in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ geschrieben hatte: „Einige Hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu machen. Sie würden ausreichen, um der Menschheit die Energie, die sonst in Millionen von Arbeitsstunden gewonnen werden müsste, in schmalen Büchsen, hoch konzentriert, zum Gebrauch fertig darzubieten.“ Mit Rudi Dutschke und der 68er-Bewegung ging Radkau heftig ins Gericht. „Im Prinzip hatten Sie keine konkreten Vorstellungen von der Zukunft.“

Joachim Radkau präsentierte sich in Calw als selbstkritischer Beobachter von Entwicklungsprozessen und glühender Verfechter von Risikofolgenabschätzungen. Entscheidungen sind immer wieder zu überprüfen. Die Geschichte des einstigen „St Martin“ Schulz zeigt, in welchen Wellenlinien Geschichte verläuft. „Dinge verändern sich rasant und nur wenig ist planbar – Gottseidank“, meinte Reinhard Kafka, Geschäftsführer des Bildungswerks nach der Veranstaltung.

 

 

 
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